Eine der bekanntesten Überzeugungen im Zusammenhang mit Stierkämpfen ist die Vorstellung, dass Stiere besonders aggressiv auf die Farbe Rot reagieren. Dieses Bild hat sich so stark im kulturellen Bewusstsein verankert, dass viele Menschen fest davon überzeugt sind, Stiere würden durch das rote Tuch, die sogenannte „Muleta“, besonders gereizt. Doch wie sich herausstellt, ist dies ein weit verbreiteter Irrtum. Stiere reagieren nicht auf die Farbe Rot – sie erkennen sie nicht einmal. Die Wahrheit ist viel simpler: Es ist nicht die Farbe, sondern die Bewegung, die die Stiere in Rage versetzt.

Wie Stiere Farben wahrnehmen

Im Gegensatz zu Menschen, die über drei Arten von Farbrezeptoren (Zapfen) im Auge verfügen und somit eine breite Farbpalette wahrnehmen können, haben Stiere – wie viele andere Säugetiere – nur zwei Arten von Zapfen. Stiere sind rot-grün-blind, was bedeutet, dass sie Rot- und Grüntöne nicht voneinander unterscheiden können. Für sie erscheinen diese Farben als eine Art Grauschattierung. Sie haben also keine Möglichkeit, Rot als solches wahrzunehmen, geschweige denn darauf aggressiv zu reagieren.

Die Annahme, dass Stiere wütend auf die Farbe Rot werden, stammt wahrscheinlich aus der Tradition des Stierkampfes, wo das Tuch des Toreros häufig in kräftigem Rot gehalten ist. Das hat jedoch rein praktische Gründe: Die rote Farbe der „Muleta“ dient dazu, das Blut des Stieres zu verbergen und so die visuelle Ästhetik des Kampfes für das Publikum zu bewahren. Der Stier selbst bemerkt die Farbe nicht, sondern fokussiert sich ausschließlich auf die Bewegungen des Tuchs und des Toreros.

Bewegung als Auslöser für Aggression der Stiere

Die eigentliche Reaktion des Stieres während eines Stierkampfes hat nichts mit der Farbe des Tuchs zu tun. Vielmehr ist es die Bewegung des Tuchs, die den Stier zum Angriff reizt. Stiere sind von Natur aus Tiere, die auf Bewegungen in ihrer Umgebung stark reagieren. Wenn das Tuch des Toreros vor ihnen flattert, sehen sie nicht die Farbe, sondern nehmen die schnelle Bewegung wahr. Diese Bewegungsreize sind es, die den Stier dazu bringen, auf das Tuch loszugehen.

In der Wildnis dienen solche Reaktionen auf Bewegungen oft dem Schutz. Ein sich bewegendes Objekt könnte eine potenzielle Bedrohung darstellen, weshalb Tiere wie der Stier besonders sensibel darauf reagieren. Diese Eigenschaft machen sich Toreros im Stierkampf zunutze, indem sie das Tuch vor dem Stier schwingen und seine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Der Stier greift also nicht an, weil er Rot sieht, sondern weil er die Bewegung als möglichen Angriff interpretiert.

Ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält

Der Mythos vom stierwütenden Rot ist jedoch tief in der Populärkultur verwurzelt. Filme, Cartoons und sogar Werbeanzeigen stellen oft Stiere dar, die wild auf alles Rote reagieren. Diese Darstellungen verstärken das Missverständnis und sorgen dafür, dass der Irrtum sich weiterhin hartnäckig hält. Selbst viele Menschen, die sich wenig mit Stierkämpfen oder der Biologie von Stieren beschäftigen, kennen die vermeintliche Tatsache, dass Stiere Rot nicht ausstehen können.

Interessanterweise spielt die Farbe des Tuchs im Stierkampf eine so große Rolle, dass viele Zuschauer die komplexen Abläufe des Kampfes übersehen und sich ausschließlich auf das Bild des „blutroten“ Tuchs und des angriffslustigen Stiers konzentrieren. Dieser visuelle Aspekt trägt maßgeblich dazu bei, dass der Mythos so weit verbreitet ist.

Bewegung statt Farbe

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stiere nicht auf die Farbe Rot reagieren, wie es oft angenommen wird. Tatsächlich sind sie farbenblind und können Rot und Grün nicht voneinander unterscheiden. Was sie jedoch wahrnehmen, ist Bewegung, und diese Bewegung – ob es nun das rote Tuch oder ein andersfarbiges Objekt ist – ist es, die sie in den Angriffsmodus versetzt. Der Mythos von der roten Farbe als Auslöser für die Aggressivität von Stieren ist daher ein Missverständnis, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat und bis heute anhält.

Der Stierkampf bleibt umstritten, doch eines ist sicher: Die Vorstellung, dass die Farbe Rot den Stier besonders reizt, gehört ins Reich der Fabeln. Bewegung ist der wahre Auslöser für die Reaktionen des Stieres, und der rote Umhang ist für das Tier selbst nichts weiter als ein sich bewegendes Objekt – völlig unabhängig von seiner Farbe.

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