Eine weit verbreitete Annahme besagt, dass man Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind, auf keinen Fall berühren darf, da der menschliche Geruch den Eigengeruch des Kükens überdecken würde. Die Elternvögel könnten ihr Junges dann nicht mehr erkennen und würden es im schlimmsten Fall verstoßen. Diese Regel haben die meisten von uns als Kinder gehört, und sie hält sich bis heute hartnäckig. Doch in Wahrheit ist diese Verhaltensregel irreführend und stammt aus einem Missverständnis über das Verhalten und die Sinne von Vögeln. Im Gegensatz zu einigen Säugetieren identifizieren Vögel ihre Jungtiere nicht nur über den Geruch, sondern durch andere Merkmale. Ein verlorenes Küken kann in der Regel bedenkenlos wieder ins Nest gesetzt werden – die Eltern werden sich weiter um es kümmern, unabhängig davon, ob ein Mensch es berührt hat oder nicht.

Können Vögel den menschlichen Geruch erkennen?

Vögel haben, anders als beispielsweise Säugetiere, keinen stark ausgeprägten Geruchssinn. Sie verlassen sich primär auf Seh- und Hörsinn, um ihre Umgebung wahrzunehmen und um ihre Jungtiere zu identifizieren. Ausnahmen wie Aasgeier oder Kiwis verfügen zwar über einen stärkeren Geruchssinn, aber die meisten Singvögel erkennen ihre Nachkommen über die vertrauten Rufe und das typische Verhalten. Deshalb spielt es in den meisten Fällen keine Rolle, wenn ein Küken nach einem Sturz aus dem Nest wieder hineingesetzt wird, auch wenn dabei menschlicher Geruch anhaftet.

Diese Erkenntnis hat den Vorteil, dass man Jungvögeln in Notlagen ruhig helfen kann, ohne befürchten zu müssen, dass die Altvögel das Junge danach verstoßen könnten. Im Gegenteil: Die Elternvögel kümmern sich meist weiter um ihr Junges, als wäre nichts passiert. Wichtig ist jedoch, die Situation des Jungvogels richtig zu beurteilen, denn nicht jedes Vogelkind, das man außerhalb des Nests findet, braucht menschliche Hilfe.

Nestling oder Ästling: Wann ist Eingreifen wirklich nötig?

Es gibt Unterschiede zwischen Nestlingen und Ästlingen, und diese zu kennen, ist wichtig, um zu entscheiden, ob menschliche Hilfe erforderlich ist. Nestlinge sind sehr junge Vögel, oft noch nackt oder nur mit einem leichten Flaum bedeckt. Wenn ein Nestling aus dem Nest gefallen ist, benötigt er Hilfe, da er noch nicht in der Lage ist, sich selbst zu versorgen oder zu klettern. Solche Jungvögel sollten vorsichtig in das Nest zurückgesetzt werden, falls es erreichbar ist. Sollte das Nest jedoch unerreichbar sein, empfiehlt es sich, professionelle Hilfe bei einem örtlichen Vogelschutzverband oder Tierschutzverein zu suchen.

Ästlinge hingegen sind etwas ältere Jungvögel, die zwar schon Federn haben, aber noch nicht fliegen können. Diese Vogeljungen verlassen oft freiwillig das Nest und halten sich auf Ästen oder am Boden auf, während sie das Fliegen lernen. Bei vielen Singvogelarten ist dies ein ganz natürlicher Teil ihrer Entwicklung und keine Notsituation. Die Elternvögel sind normalerweise in der Nähe und versorgen ihre Jungen weiter, auch wenn diese auf dem Boden sitzen. Hier ist also kein Eingreifen erforderlich, da dies eine normale Phase im Leben eines Jungvogels darstellt.

Wann und wie sollte man eingreifen?

Falls ein Jungvogel wirklich hilfsbedürftig ist – etwa durch Verletzungen, drohende Gefahren oder weil das Nest in großer Höhe und unerreichbar liegt – kann man ihn behutsam in Sicherheit bringen und sich an Experten wenden. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) warnt jedoch davor, übereilt zu handeln. Menschen sollten sicherstellen, dass der Jungvogel tatsächlich in Not ist und nicht einfach die normale Entwicklungsphase eines Ästlings durchläuft. Durch übermäßige Hilfe wird häufig unnötig in die Natur eingegriffen, was den Jungvögeln mehr schadet als nützt.

Jungvögel: berühren erlaubt – aber mit Bedacht

Zusammengefasst zeigt sich, dass der Mythos, Jungvögel würden von ihren Eltern nicht mehr angenommen, wenn sie menschlichen Geruch annehmen, falsch ist. Vögel erkennen ihren Nachwuchs vor allem über andere Sinne wie den Ruf oder das Verhalten und nicht primär über den Geruch. Dennoch gilt es, behutsam vorzugehen und nicht unnötig in natürliche Entwicklungsprozesse einzugreifen. Ist ein Vogelkind tatsächlich in Not, darf man es vorsichtig anheben und an einen sicheren Ort bringen oder zurück ins Nest setzen.

In der Natur entwickelt sich vieles ohne menschliches Zutun – die Jungvögel sind gut darauf vorbereitet, ihre Flügel auszubreiten und selbstständig zu werden.

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