Die Vorstellung, dass der Verzehr von Putenfleisch zur Müdigkeit führt, ist eine weitverbreitete Legende – allerdings weniger in deutschsprachigen Ländern als in der angelsächsischen Welt, vor allem in den USA. Dort wird behauptet, dass Putenfleisch nicht nur müde, sondern sogar geistig träge oder schwindelig machen soll. Besonders zu Thanksgiving, wenn Millionen von Menschen Putenfleisch konsumieren, wird dieser Mythos immer wieder aufgewärmt und mit einem Augenzwinkern als bewiesen angesehen.
Doch wie bei vielen Mythen steckt auch hier ein Körnchen Wahrheit drin. Die Frage ist nur, ob wirklich das Putenfleisch an sich für die beschriebenen Symptome verantwortlich ist oder ob andere Faktoren eine Rolle spielen. Schauen wir uns das genauer an.
Der wahre Kern des Mythos: Fleisch und Verdauung
Wie bei vielen Legenden hat auch dieser Mythos einen wahren Kern, der sich allerdings nicht nur auf Putenfleisch beschränkt, sondern auf den Konsum von Fleisch allgemein. Jeder, der schon einmal eine große Fleischmahlzeit zu sich genommen hat, wird das Gefühl von Müdigkeit oder Trägheit nach dem Essen kennen. Das liegt jedoch weniger an einer bestimmten Fleischsorte als an der Menge, die konsumiert wird. Fleisch ist schwer verdaulich und fordert den Verdauungsapparat stark heraus. Der Körper muss viel Energie aufwenden, um die Nahrung zu verarbeiten, was zur Folge haben kann, dass weniger Energie für den Kopf und den restlichen Körper übrig bleibt.
Insbesondere bei sehr großen Mengen Fleisch kann das Verdauungssystem übermäßig beansprucht werden. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn Menschen nach einem üppigen Fleischgericht müde oder sogar träge werden. Das gilt jedoch nicht nur für Putenfleisch, sondern für alle Fleischsorten, egal ob Rind, Schwein oder Geflügel. Die Müdigkeit nach dem Essen ist somit weniger ein spezifisches Phänomen des Putenfleischs, sondern eine Folge des übermäßigen Konsums.
Die Chemikalie in Putenfleisch: Tryptophan
Ein weiterer Punkt, der in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist die vermeintlich schlaffördernde Wirkung einer im Putenfleisch enthaltenen Aminosäure namens Tryptophan. In der amerikanischen Variante der Legende heißt es oft, dass diese Substanz Müdigkeit oder gar Schwindelgefühle verursachen könne. Tatsächlich ist Tryptophan eine Vorstufe von Serotonin, einem Botenstoff, der unter anderem an der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist. Serotonin kann wiederum in Melatonin umgewandelt werden, ein Hormon, das den Schlaf fördert.
Es stimmt also, dass Putenfleisch Tryptophan enthält, doch das tun auch viele andere Lebensmittel wie Käse, Nüsse oder Eier. In Wahrheit enthält Putenfleisch sogar nicht mehr Tryptophan als andere Fleischsorten. Der Mythos, dass Putenfleisch besonders müde macht, basiert also auf einem Missverständnis. Die Mengen an Tryptophan, die durch den Verzehr von Putenfleisch aufgenommen werden, sind viel zu gering, um eine merkliche schlaffördernde Wirkung zu haben. Zudem muss das Tryptophan erst die Bluthirnschranke überwinden, was durch den gleichzeitigen Verzehr anderer Nährstoffe erschwert wird.
Thanksgiving und der Klassiker: Pute und Alkohol
Ein weiterer Aspekt, der zur Entstehung dieses Mythos beigetragen haben könnte, ist der typische Thanksgiving-Tagesablauf in den USA. Zu den traditionellen Speisen gehört nicht nur eine große Pute, sondern auch viele kalorienreiche Beilagen wie Kartoffelbrei, Süßkartoffeln und Desserts. Hinzu kommt der Konsum von Alkohol, der ebenfalls stark zur Müdigkeit beitragen kann. Wer nach einem ausgedehnten Festessen, bei dem viel gegessen und getrunken wurde, müde wird, kann diesen Effekt also nicht allein dem Putenfleisch zuschreiben.
Der klassische „Versuchsaufbau“, wie er jedes Jahr zu Thanksgiving millionenfach stattfindet, besteht also nicht nur aus dem Verzehr von Putenfleisch, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren, die zur Müdigkeit beitragen. Die Kombination aus großen Mengen an Nahrung, hohem Fettgehalt und Alkoholkonsum ist eine bewährte Methode, um sich schläfrig zu fühlen. Wer dabei auch noch glaubt, dass das Putenfleisch der Hauptschuldige ist, greift auf einen Mythos zurück, der sich leicht entkräften lässt.
Putenfleisch allein macht nicht müde
Die Legende, dass Putenfleisch besonders müde oder gar schwindelig macht, lässt sich also leicht als Mythos entlarven. Zwar enthält Putenfleisch die Aminosäure Tryptophan, die theoretisch schlaffördernd wirken könnte, doch die Mengen, die bei einem normalen Konsum aufgenommen werden, sind viel zu gering, um diesen Effekt tatsächlich zu spüren. Die Müdigkeit, die nach dem Verzehr einer großen Pute zu Thanksgiving oder einem anderen Festessen auftritt, hat viel mehr mit der Menge des konsumierten Essens, der Anstrengung der Verdauung und dem gleichzeitigen Konsum von Alkohol zu tun.
Es gibt also keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Putenfleisch an sich müde macht. Wer nach einem großen Festessen erschöpft ist, sollte vielmehr den gesamten Lebensstil während des Essens hinterfragen, anstatt das Putenfleisch allein für das nachfolgende Mittagstief verantwortlich zu machen. Der Mythos lebt zwar weiter, aber die Wahrheit ist weit weniger spektakulär.




