Die Vorstellung, dass die Menschen früher weitgehend davon überzeugt waren, die Erde sei eine flache Scheibe, ist ein hartnäckiger Irrtum. Diese Annahme hat sich bis heute in vielen Köpfen gehalten, obwohl historische Belege klar zeigen, dass schon seit der Antike das Wissen um die Kugelform verbreitet war. Besonders die Behauptung, im Mittelalter sei der Glaube an eine flache Erde vorherrschend gewesen, erweist sich bei näherem Hinsehen als falsch. In Wahrheit wussten die Gelehrten in der Antike und im Mittelalter sehr gut, dass sie eine Kugel ist.

Die moderne Fehlvorstellung, dass Kolumbus gegen den Widerstand von flacherde-gläubigen Gelehrten angetreten sei, um seine Entdeckungsreise anzutreten, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Diese weit verbreitete Fehlinterpretation hat zu einer falschen Wahrnehmung der intellektuellen Fähigkeiten der Menschen in der Vergangenheit geführt.

Die Erde als Kugel: Antikes Wissen

Bereits in der Antike, lange vor den Entdeckungsreisen des Mittelalters, war die Vorstellung eines kugelförmigen Planets weit verbreitet. Griechische Philosophen wie Pythagoras (6. Jahrhundert v. Chr.) und Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) entwickelten Theorien, die von einer kugelförmigen Form ausgingen. Aristoteles lieferte sogar naturwissenschaftliche Beweise für die Kugelgestalt, indem er etwa die runde Form des Erdschattens während einer Mondfinsternis und die unterschiedlichen Sternbilder je nach geographischer Breite beobachtete. Auch der griechische Astronom Eratosthenes berechnete im 3. Jahrhundert v. Chr. erstaunlich genau den Umfang anhand von Sonnenstandsmessungen in verschiedenen Städten.

Diese Erkenntnisse verbreiteten sich nicht nur in der griechisch-römischen Welt, sondern fanden auch im Mittelalter ihre Fortsetzung. Die Vorstellung, dass der Planet eine Kugel sei, wurde von den meisten Gelehrten akzeptiert und weitergeführt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Vorstellung einer flachen Erde im Mittelalter weit verbreitet gewesen wäre. Vielmehr war es die römisch-katholische Kirche, die das antike Wissen um die Kugelgestalt der Erde überlieferte und an die nachfolgenden Generationen weitergab.

Das Mittelalter: Kein Zeitalter des Irrglaubens

Entgegen dem modernen Mythos war das Mittelalter nicht geprägt von einem allgemeinen Glauben an eine flache Erde. Die überwiegende Mehrheit der mittelalterlichen Gelehrten war sich der kugelförmigen Erde bewusst. Bereits im 6. Jahrhundert stellte der frühchristliche Gelehrte Isidor von Sevilla in seiner Enzyklopädie „Etymologiae“ fest, dass die Erde rund sei. Auch die Gelehrten des Hochmittelalters, wie der Theologe Thomas von Aquin, griffen auf antike Werke zurück, in denen die kugelförmige Erde als gesichertes Wissen galt.

Ein weiterer Beweis für das mittelalterliche Verständnis der Kugelform findet sich in der kosmologischen Darstellung des christlichen Weltbildes. In dieser wurde die Erde als Zentrum des Universums angesehen, doch wurde sie in den meisten Darstellungen als Kugel abgebildet. Das zeigt deutlich, dass die Vorstellung von einer flachen Erde in den Köpfen der Gelehrten nicht existierte.

Dieser Mythos entstand erst im 19. Jahrhundert, als Historiker wie der amerikanische Schriftsteller Washington Irving die Entdeckungsreisen von Christoph Kolumbus falsch darstellten. Irving behauptete fälschlicherweise, dass Kolumbus gegen eine ungebildete und starrsinnige Geistlichkeit ankämpfen musste, die fest an eine flache Erde glaubte. Tatsächlich war die Skepsis gegenüber Kolumbus‘ Reise in erster Linie auf die Entfernung zwischen Europa und Indien über den Atlantik zurückzuführen, nicht auf Zweifel an der Form der Erde.

Kolumbus und die Route über den Atlantik

Zur Zeit von Christoph Kolumbus (15. Jahrhundert) wusste die Mehrheit der europäischen Gelehrten, dass unser Planet eine Kugel ist. Der wahre Grund, warum viele Kolumbus‘ Vorhaben skeptisch gegenüberstanden, lag nicht in einem vermeintlichen Glauben an eine flache Erde, sondern in der Einschätzung der Distanzen. Man hielt die Strecke über den Atlantik nach Indien für viel zu lang und gefährlich. Kolumbus hingegen unterschätzte die Größe der Erde und glaubte, Indien sei über den Atlantik viel leichter zu erreichen. Es war also nicht das Weltbild einer flachen Erde, das Kolumbus‘ Pläne infrage stellte, sondern die korrekte Einschätzung der Entfernung.

Kolumbus wurde letztlich auch nicht aufgrund einer revolutionären Theorie, sondern durch einen glücklichen Zufall berühmt, als er auf den amerikanischen Kontinent stieß – und nicht, wie geplant, Indien erreichte. Die Entdeckung der „Neuen Welt“ machte ihn zu einer Legende, doch es war kein Kampf gegen den vermeintlichen Glauben an eine flache Erde, der ihn berühmt machte.

Die runde Erde als historisch gesichertes Wissen

Der Glaube, dass die Menschen im Mittelalter oder in der Antike an eine flache Erde glaubten, ist eine Erfindung der Neuzeit. Schon seit der Antike wusste man, dass sie eine Kugel ist, und dieses Wissen setzte sich im Mittelalter fort. Auch zur Zeit von Kolumbus war die Kugelgestalt der Erde allgemein bekannt. Der Irrtum, dass der mittelalterliche Mensch an eine flache Erde glaubte, ist ein moderner Mythos, der erst im 19. Jahrhundert entstand und bis heute in populären Darstellungen der Geschichte fortbesteht.

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