Der Begriff „100-jähriger Krieg“ lässt vermuten, dass dieser Konflikt genau ein Jahrhundert andauerte. Tatsächlich ist dies jedoch ein weit verbreiteter Irrglaube. Der 100-jährige Krieg dauerte nicht 100 Jahre, sondern erstreckte sich über eine längere Zeitspanne. Diese Fehlinformation ist vor allem auf die Vereinfachung der Geschichtsschreibung zurückzuführen, die den komplexen und langwierigen Krieg zwischen England und Frankreich auf eine einprägsame Zahl reduzieren wollte. Der wahre Verlauf des Krieges ist jedoch weitaus komplizierter.
Der tatsächliche Zeitrahmen: 114 Jahre Krieg
Die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich dauerte tatsächlich 114 Jahre – von 1337 bis 1453. Dieser lange Krieg bestand aus mehreren Phasen und Ruheperioden, in denen keine Kämpfe stattfanden. Der Krieg begann 1337, als der englische König Eduard III. den französischen Thron beanspruchte, da er über seine Mutter, Isabella von Frankreich, ein Anrecht auf die französische Krone zu haben glaubte. Dieser Anspruch führte zu einem langwierigen und blutigen Konflikt, der sich über mehrere Generationen erstreckte.
Die Kämpfe hörten erst 1453 mit der Schlacht bei Castillon auf, die als die letzte entscheidende Schlacht des Krieges gilt. Mit dem englischen Verlust von Bordeaux endete die englische Präsenz auf dem Festland, und damit schwand auch der englische Anspruch auf den französischen Thron endgültig. Der Krieg endete also erst nach 114 Jahren, und die Tatsache, dass man ihn „100-jähriger Krieg“ nennt, ist eine Vereinfachung, die die tatsächliche Länge des Konflikts verschleiert.
Die Ursachen des Krieges
Der 100-jährige Krieg war in erster Linie ein Erbfolgekrieg. Eduard III. von England beanspruchte den französischen Thron, nachdem der französische König Karl IV. ohne männlichen Erben gestorben war. Der französische Adel jedoch wählte Philipp VI. von Valois zum neuen König, da die sogenannte Salische Erbfolge eine Thronbesteigung über die weibliche Linie ausschloss. Diese Entscheidung stieß bei Eduard III. auf Widerstand, da er seine Abstammung von der französischen Königslinie durch seine Mutter als legitimen Anspruch betrachtete.
Neben dem Erbstreit spielten auch territoriale Auseinandersetzungen eine Rolle. Aquitanien, ein fruchtbares Gebiet im Südwesten Frankreichs, gehörte zu den englischen Besitzungen, was immer wieder zu Spannungen zwischen den beiden Ländern führte. Zudem ging es um wirtschaftliche Interessen, vor allem um die Kontrolle des lukrativen Handels mit Wolle, der damals von großer Bedeutung für beide Königreiche war.
Phasen und Auswirkungen des Krieges
Der 100-jährige Krieg lässt sich grob in mehrere Phasen unterteilen. Die ersten Erfolge hatte England, vor allem in der Schlacht von Crécy (1346) und der Schlacht von Poitiers (1356), bei der der französische König Johann II. in englische Gefangenschaft geriet. Diese Siege gaben den Engländern vorübergehend die Oberhand im Krieg.
Die zweite Phase war geprägt von einem Pattsituation und der Zwischenherrschaft des Schwarzen Todes, der Mitte des 14. Jahrhunderts Europa heimsuchte und den Krieg vorübergehend unterbrach. Der englische Vorteil verblasste, und die französischen Truppen unter Karl V. erholten sich langsam. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts stagnierte der Krieg.
In der dritten Phase, ab dem frühen 15. Jahrhundert, nahm der Krieg wieder an Intensität zu. Heinrich V. von England errang einen bedeutenden Sieg in der Schlacht von Azincourt (1415), der die Engländer erneut in eine starke Position brachte. Heinrich VI., der Sohn von Heinrich V., wurde sogar zum König von Frankreich gekrönt, jedoch war seine Herrschaft schwach und von internen Konflikten geprägt.
Die Wende im Krieg kam mit Jeanne d’Arc, die durch ihre visionäre Führung die französischen Truppen inspiriert und entscheidende Siege, wie die Belagerung von Orléans (1429), herbeigeführt hatte. Jeanne d’Arc wurde später gefangen genommen und 1431 hingerichtet, doch ihr Einfluss auf die französische Moral und den Kriegsausgang blieb unbestritten. Frankreich erlangte schließlich die Oberhand, und die letzten englischen Stützpunkte auf dem Festland fielen.
1453 endete der 100-jährige Krieg mit dem französischen Sieg in der Schlacht bei Castillon, die England endgültig aus Frankreich verdrängte und das Ende des englischen Anspruchs auf den französischen Thron besiegelte.
Der 100-jährige Krieg dauerte 114 Jahre
Der 100-jährige Krieg ist ein irreführender Name für einen Konflikt, der tatsächlich 114 Jahre dauerte. Diese lange und komplexe Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich ging weit über den Zeitraum eines Jahrhunderts hinaus und umfasste mehrere Phasen, von intensiven Kämpfen bis hin zu längeren Waffenstillständen. Die Ursache des Krieges war ein Erbstreit um den französischen Thron, doch auch wirtschaftliche und territoriale Faktoren spielten eine wichtige Rolle.
Zusammengefasst: Der 100-jährige Krieg dauerte also deutlich länger als 100 Jahre und brachte tiefgreifende Veränderungen in beiden Ländern, deren Auswirkungen sich über Jahrhunderte erstreckten. Die Vorstellung, dass der Krieg genau 100 Jahre dauerte, ist ein Mythos und verdeutlicht, wie komplex und vielschichtig historische Ereignisse sein können.




